Von Sardinien nach Tunesien und wieder zurück
Oder eine Lebenserfahrung mehr...
Oktober 2009
Wir haben uns an Bord der Planado sehr schnell eingelebt. Solange man nicht allzu viel der Seekrankheit verspürt, ist das Leben auf dem Boot sehr angenehm. So nah beim Segeln zu leben ist einfach schön. Wenn wir gerade nicht mit Segeln beschäftigt waren konnten wir die Aussicht geniessen, Kochen, Kartenspielen oder einfach in der Sonne liegen. Dafür eigneten sich besonders die zwischen den Rümpfen gespannten Netze. Auf Deck bzw. im Cockpit ist der Ort, wo es den meisten am wenigsten schlecht wurde, wo es am schönsten ist zu Frühstücken (wenn das Wetter es zuliess) und der schönste Rüstplatz für die Küchenarbeit, den es überhaupt gibt: Rüebli schälen mit Meerblick.
Schon im Vorfeld des Segeltörns haben uns verschiedentlich Leute vor den Herbststürmen und dem möglicherweise unwirschen Wetter in dieser Zeit gewarnt. Wir haben uns deshalb vor der Reise mit Segelhose und Jacke für den Offshore-Bereich ausgestattet. Oft waren wir dankbar für die gute Ausrüstung, die Wollpullis und warmen Untersachen, die wir sonst für den Wintersport auspacken. Frieren mussten wir nie. Ganz im Gegenteil zu diesem Wetter wurden wir auch mit super schönem Badehosenwetter beglückt, das wir in dem angenehm warmen Wasser bestens geniessen konnten.
Als Segler geniesst man schliesslich das Privileg, den schönsten Strandplatz für sich zu haben - fast paradiesisch schön war die Strandbucht Cala Ginepro auf Sardinien: Durch smaragdgrünes Wasser tauchen, am Strand liegen, Menüpläne schmieden und auf den Wind für die Kite-Surfer warten. Einen der schönsten Momente durften wir aber auf See erleben: An der Küste von Sardinien haben uns Delphine begleitet, sie schwammen neben uns her und sprangen fast greifbar nahe aus dem Wasser - man bekam Lust direkt hinterher zu springen. Allgemein konnten wir viele Tiere beobachten. Für uns frisch gebackene Katamaran-Segler waren die Schwärme fliegender Fische, die vor uns davon flogen, ein aufregendes Erlebnis. Nachts waren es leuchtende Quallen und in den Wellen des Buges abertausend leuchtende Planktonpartikel, die uns das Gefühl gaben, auf einem magischen Ritt durch Poseidons Reich zu sein. Fernab jeder Küste haben Grüppchen von gelben Kleinvögeln uns geholfen einen plötzlich auftretenden Schwarm von Fliegen zu dezimieren.
Wir haben so viel gesehen, gelernt und erlebt in diesen zwei Wochen wie schon lange nicht mehr. Die Sterne und die Milchstrasse ohne Lichtverschmutzung zu sehen erinnerte uns wieder daran, wie klein wird doch sind und wie sehr wir diese Augenblicke vermisst haben. Die Sonnenaufgänge und -untergänge wie auch die Beobachtung der wechselnden Wetterverhältnisse waren aus Meeresperspektive sehr spektakulär. Wie sehr das Segeln vom Wetter abhängig ist, mussten wir bis hin zu einer gewissen Erschöpfung auch erfahren. Dabei half uns der Gedanke an die Männer von nordischen Expeditionen und wie viel diese mental und physisch aushalten mussten im Kampf gegen die Naturgewalten und um ihr Überleben. Im Vergleich dazu haben wir fast schon ein Sonntagsfährtchen gemacht.
Unser Skipper Alex ist nicht nur technisch versiert, er kann auch die Crew sehr gut zusammenhalten und als Team führen. Von unserem Co-Skipper Felix konnte man nicht nur viel übers Segeln erfahren, sondern auch wie es auf Bauernhöfen und Spitälern zu und her geht und dass man Stiere nicht melken sollte... Er hat jeden Morgen frischen Zopf gebacken, das haben wir sehr geschätzt. Von beiden haben haben wir viel praktisches und wissenswertes über Segeln, Wetterkunde, Seerecht gelernt. Auf unsere Skipper konnten wir uns stets verlassen. Wir wussten selbst nach dem Mastbruch, dass wir wieder heil an Land kommen werden.
Der Mastbruch:
Das Thema das die Leser bestimmt am meisten interessiert. Wir sind aus dem Hafen von Bizerte ausgelaufen, mit dem Ziel eine Ankerbucht anzulaufen, wo wir den nächsten Tag für günstigeres Wetter abwarten wollten. Die Wettervorhersagen für den aktuellen Tag berichteten, dass der mittelstarke Wind im Verlaufe des Tages abflauen würde. Bei 3m hohen Wellen hatten wir viel Spass. Die Stärke des Windes veranlasste uns, das Grosssegel ins zweite Reff zu binden und die Fock ebenfalls zu reffen. Nach etwa zwei Stunden haben wir gehalst und nahmen Kurs auf unsere Zielbucht. Seit dieser Halse wurde der Wind schnell sehr stark. Wir wurden ernst und konzentriert. Im Gesicht unseres Skippers widerspiegelten sich seine Gedanken: Sollen wir weiter reffen, die Sturmfock aufziehen oder nur noch mit dem Mast segeln? Zwei riesige Wellen kamen auf uns zu. Gute 6 Meter hoch. Die erste Welle hat der Skipper gut ausgesteuert, bei der zweiten hörte man ein lautes Krachen als der Katamaran zurück in das Wellental schwankte. Die oberen zwei Drittel des Mastes knallten backbord auf den Rumpf und knickten die Reling wie Streichhölzer um. Ein kurzer Moment des Schweigens. Wir sehen uns erschrocken an - das grosse Glück: niemand war verletzt. Nach einem ersten Atemzug erteilte der Skipper Anweisungen und machte sich daran mit dem Co-Skipper die Seile, Segel und Wanten durchzutrennen um den abgebrochenen 10m langen Mastteil vom Schiff loszumachen. Nach 3 Stunden Arbeit und Motoren haben wir die Küste wieder erreicht. Wir wollten uns eigentlich gar noch nicht vorstellen, was der Vorfall für unsere Rückreise bedeutet. Am Tag darauf wussten wir es: 300 Seemeilen auf einer Zweirumpf-Motoryacht nach Sardinien reisen.
Gerade den Herbsttörn würde ich nicht an zu zart besaitete empfehlen. Es sind nicht umbedingt Ferien zum Abhängen und nichts tun. Wir schreiben dies nur, weil wir für einen Tag einen Gast an Bord hatten, der eine ganz falsche Vorstellung hatte: man sollte sich schon bewusst sein, dass Segeln ein Wassersport ist und man sich einer Naturgewalt aussetzt. Das Meer, die Winde und das Wetter können richtig toben.
Sehr eindrücklich war ein Ereignis vor dem Mastbruch, als wir erlebten wie rasch eine Gewitterzelle das Schiff einholte. Vor dem Hafen von Bizerte (Tunesien) hatten wir achterlichen Wind und waren mit guter Geschwindigkeit in Richtung Küste unterwegs. Es war schon Nacht und wir sahen die Küstenlichter vor uns grösser werden. Da wir auf die Solea warten wollten, hatten wir eben die Segel geborgen und standen im Wind. Wir hörten noch wie Alex sagte: "Passt auf, da kommt eine starke Böe!" Einige Sekunden später hat sie uns erreicht. Wie ein plötzlicher Klatsch ins Gesicht regnete es horizontal, die Sicht wurde extrem schlecht und das Boot schaukelte gegen alle Seiten.
Den Törn, wie wir ihn erlebt haben, können wir segelbegeisterten und abenteuerlustigen motivierten Leuten wärmstens empfehlen. Wir würden auf jeden Fall wieder mitkommen - unsere Begeisterung fürs Segeln konnte nicht mal durch den Mastbruch geschwächt werden.
Bettina und Cedric






